„Be careful, it’s not really stable“, sagt Chris und drückt mir eine Leiter in die Hand. Er kann jetzt leider nicht. Weder das Dach fegen, noch die Leiter festhalten, er kann jetzt leider nicht helfen, er muss das Fenster des Wohnwagens reparieren, das seit letztem Winter kaputt ist, das Glas fehlt, seitdem es ein Sturm im Januar herausgerissen hat, seitdem hat es nicht mehr geregnet, seit letztem Winter. Alle sind ganz aufgeregt. Nicht nur Mario und Joanna, auch die Schafe und die Esel und die Hühner und die Hunde. Tiere spüren, wenn sich das Wetter ändert. Als ich Chris fragen will, wie genau ich das Wellblechdach reinigen soll, ist er verschwunden. Nur auf die schwarze Markierung treten, wiederhole ich in meinem Kopf so oft, bis es sich meditativ anfühlt. Ich nicke mir selbst zu, während ich die Leiter an der höchsten Stelle befestige und an das Holzdach lehne. Mit den Handschuhen streife ich mir Pragmatismus und Effizienz über, es fängt an zu nieseln, als ich vom Dach über das komplette Camp schauen kann. Ich sehe Titouan auf der Terrasse sitzen und Ukulele spielen. Somewhere over the rainbow, singt er, welch Ironie, Joanna summt und stellt alle Pflanzen aus dem Haus unter das Himmeldach, das sich schwarz färbt. Ich trage nur ein Top und eine kurze Hose, es ist kalt, es wird kalt, ich fange an das Dach zu fegen, damit der Regen barrierefrei die Rinne erreichen und abfließen kann und das Dach nicht bricht. Ich fische schimmelnde Pfirsiche und Blätterknollen aus den Fugen, eine tote Maus und sehr, sehr viel getrockneten Schlamm. Während ich mich frage, wo ich die Maus am besten entsorgen kann, ohne dass sich ein Schaf den Magen daran verdirbt, fängt es an zu schütten. Der Himmel weint nicht, der Himmel fällt auseinander. Die Hunde jaulen und ich sehe sie in der Gemeinschaftsküche verschwinden. Chris sehe ich nicht. Der Regen fühlt sich gut an auf meiner Haut, ich habe seit Tagen nicht geduscht, ich muss lachen und habe den Impuls, mich auf den Besen zu setzen und Bibi Blocksberg zu imitieren. „Are you okay?“ Titouan steht am Leiterende, oder am Leiteranfang - wo fängt eine Leiter an und wo hört sie auf – ich habe immer noch die tote Maus in der Hand, die ich zur Seite lege, während ich nicke und meinen Schweiß schmecke, den der Regen von meiner Haut wäscht. Ich lecke mir über die Lippen, salzige Freiheit. Titouan hält die Leiter. Er sei leider zu schwer, um mir den Job abzunehmen. Das Dach würde brechen. Nur auf die Markierungen treten, sagt er. Und nicht ausrutschen. Die Schafe blöken. Ich lehne mich nach vorne, das Dach läuft nach unten hin schmal zusammen. Die Blätter sind mittlerweile so nass, dass sie am Dach kleben bleiben, egal wie fest ich reibe. Ich muss mich auf das Wellblech legen, um an die Regenrinne zu kommen. Ich bin zu schwach, denke ich. Ich bin zu schwach für richtige Arbeit. Mir kommen die Tränen, ich denke an Letti, die mich vor ein paar Tagen gefragt hat, was ich eigentlich kann, mit meinen Händen. Der Regen ist so durcheinander, es regnet im Labyrinth, ich sehe nichts und fange an zu weinen, ich sehe keine Markierungen und Titouan sehe ich auch nicht mehr.

Alles ist ein Superlativ, wenn die äußeren Umstände schwierig sind

Als ich in die Küche komme riecht es nach Zuhause. Die Hunde liegen unter dem Esstisch und die Katzen liegen unter den Hunden, wir haben einen Teppich aus Tieren, denke ich, während ich mein nasses Top von meinem kalten Körper streife. „Good job“, Chris streichelt mir über den Kopf und ich bin stolz auf mich. Wir überraschen uns viel zu selten selbst. Der dunkelbraune Tisch, der wohl noch nie ein Haus von innen gesehen hat, füllt unsere kleine Essküche aus, wir sind 12, es ist kuschelig warm, wir trinken Rotwein, warum, frage ich, warum nicht, antwortet irgendjemand. Es ist dunkel, wir können das Licht nicht anmachen, weil wir all unseren Strom über Solaranlagen generieren und die gespeicherten Ressourcen für das Wesentliche gebraucht werden sollen. Unsere Handys dürfen wir erst wieder laden, wenn die Sonne wieder scheint. Ich finde das aufregend und auf eine sonderbare Art gefällt mir der Gedanke, im Sturm gefangen zu sein, abgeschnitten von sämtlichem Außen. Mit was beschäftigt man sich langfristig, wenn einem die Natur alles nimmt, was extern betäubend wirkt und ablenkt? Pilar legt ihre Pfote auf meinen Fuß. Es könnte noch drei Tage regnen, es ist so viel Liebe im Raum und genug essen, wir werden satt und sind gesättigt, somewhere over the rainbow. Mir wird langsam warm vom Alkohol und dem Gefühl, richtig gearbeitet zu haben. Mir wird warm, weil das Gefühl von Gemeinschaft stark ist und warm ist und weil ich noch nie so leckeres Essen gerochen habe. Alles ist ein Superlativ, wenn die äußeren Umstände schwierig sind. Für mich ist das hier ein Ausnahmezustand, für Joanna und Mario, die seit Jahren so leben, ist das Alltag. Wenn Ausnahmezustände zu Komfortzonen werden, dann erweitert sich der Horizont, denke ich, während wir auf Peru anstoßen.

Am Nachmittag regnet es immer noch. Alles ist schlammig mittlerweile, der Boden und wir auch, meine Klamotten sind klamm. Marco hat vergessen seine Wäsche abzuhängen. Meine Sachen trocken nicht, weil die Luftfeuchtigkeit zu hoch ist. Ich gehe endlich richtig duschen, weil die leeren Wassercontainer sich langsam füllen. Ich versuche herauszufinden, ob Regen und Hahnwasser gleich schmecken, ich stehe unter dem schwarzen Himmel, massiere Shampoo in meine verhungerten Haare und versuche an der Dicke der Tropen auf meiner Haut zu erkennen, welches Wasser mich gerade reinigt. Es ist eiskalt, so kalt, dass ich nicht friere, sondern mich neu belebt fühle. Ich will den Moment festhalten, ich kann Wind nicht mit einem Becher fangen, dann hört es plötzlich auf zu regnen. Luftfeuchtigkeit pustet die dunkle Wolkenwand Richtung Süden, vorerst, sagt Mario, heute Nacht soll es richtig anfangen und durchregnen, das gesamte Wochenende lang. „But now we are prepared“, sagt er mit einer Stimme, die die Gelassenheit erfunden zu haben scheint, und klopft mir auf die Schulter. Ich grinse, meine frisch gewaschenen Haare fallen mir nass ins Gesicht, ich habe uns vorbereitet auf das Unwetter. Meine kindliche Statur hat auch Vorteile, ich kann auch richtig anpacken und arbeiten, denke ich. Heute bin ich über mich selbst hinausgewachsen. Regenrinne von toter Maus befreit, schreibe ich abends in mein Tagebuch, während ich den unwetterankündigenden Wind gegen die Containerwand peitschen höre, die mich vor Regen und Kälte schützt. For the first time, schreibe ich in Klammern dahinter. In Quinta Alma passieren mir sehr viele Dinge zum ersten Mal. Ich möchte, dass das für immer so bleibt. Ich bin zu jung, wir sind alle zu jung, um nur zu wiederholen, was wir schon können. Unser Körper will herausgefordert, unser Geist ausgeschöpft werden. Wir haben so viele Fähigkeiten, die ein Leben lang zu schlafen drohen, weil sie aus Unwissenheit oder Angst nicht geweckt werden. Überrasch dich selbst, schreibe ich auf die nächste Seite. Wir sind Handwerker*innen und Gärtner*innen, wenn wir das sein möchten, wir können uns für Effizienz und Pragmatismus entscheiden. Und genauso können wir Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung wählen. In Quinta Alma lerne ich jeden Tag aufs Neue, dass das Leben nicht passiv-deterministisch gesteuert wird und dass wir nicht zu Marionetten des Alltagstrotts werden, sondern uns nur selbst zu jenen machen, wenn fanatische Sicherheit und Zwang sich wie eine Wand chronischen Unwetters über unsere Sonne legen, die wach ist und Hunger hat, auf ein schönes Leben auf einem gesunden Planeten.

Meine Ohren folgen dem Wind, als ich die Augen schließe. Wenn ich mich konzentriere, dann fühlt es sich an, als befände ich mich inmitten der Windhose. Ich rieche nichts in diesem Moment und ich sehe nichts, viel zu stark ist die Akustik, die mich gedanklich erfüllt. Wie unterscheiden sich Windböen von Stürmen und Stürmen von Orkanen und Orkanen von Hurrikanen? So viele Geräusche, so viele Fragen. Es gibt noch so viel zu entdecken, sage ich laut und ich bilde mir ein, die Containerwand würde mir zustimmen, während ich meinen Schlafsack über die Nase ziehe. 

1 Kommentar

Linear

  • Kira  
    Ich hab dich lieb

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