Ich sitze in Lorca auf dem warmen Steinboden, der Wind streicht durch meine Haare und trocknet meine Augen. Es ist 17 Uhr, es kommen kaum noch Pilger vorbei. Die Sonne verschwindet hinter einer großen Wolke und mit ihr die letzen bunten Rucksäcke. José packt Eis in eine Plastiktüte und bindet sie mir ums Knie. Ob ich kostenlos nach Deutschland telefonieren könnte. Ja. Aber wen soll ich anrufen? Kniegelenke transferiert man nicht durchs Telefon. Ich habe Schmerzen. Und ich bin zum ersten Mal seit ich losgelaufen bin komplett alleine. Meine Camino Familie ist in Estella, 10 Kilometer weiter. Ich bin froh, dass ich es überhaupt hierher geschafft habe. Bella hat die letzten zwei Kilometer meinen Rucksack getragen. „Your Body is Talking to you“, sagt Tara und streichelt mir behutsam über den Kopf. „Listen to it.“ Ich weine bitterlich, als ich die drei am Horizont verschwinden sehe. Ich muss mich wieder daran erinnern, dass es meine Reise ist, mein Weg, mein Camino. In Lorca scheint niemand zu leben, mein Zimmer ist leer. Ich hoffe, ich kann morgen weiterlaufen, wenigstens bis Estella.

Ich habe meine Wäsche in dem kleinen Waschbecken auf der Herbergstoilette gewaschen und mein Buch durchgelesen. E-Mails checke ich nicht, WhatsApp und Facebook sind gelöscht. Ich fühle die Zeit. Ich höre spanischen Operngesang durch die offenen Türen der Herberge, José summt. Heute war es super heiß. Wir sind später losgelaufen als sonst. Zum Frühstück gab es selbstgemachten Joghurtkuchen, ich will die brasilianische Herberge nicht verlassen. Mir ist es heute sehr schwer gefallen, der Natur zu lauschen und mich an den Blumen und dem Gras, den Vögeln und der Sonne zu erfreuen. Das Pochen meines Knies hat sämtliche Sinne betäubt. Ich traue mich erst nicht, den Frauen zu sagen, dass ich Schmerzen habe. Ich will die Gruppe nicht aufhalten und nicht negativ auffallen. Little Sunshine hat keine Schmerzen. Ich habe heute gelernt, dass man niemals negativ auffällt, wenn man ehrlich ist. Bella hat mir Ibuprofen abgefüllt, ich frage mich, ob ich die drei nochmal wiedersehe. Während ich das schreibe spüre ich seelischen Schmerz. Ich bin einsam. Aber ich weiß wie wichtig es ist, das auszuhalten. Ich denke an Aristoteles. Wenn das Glück denen gehört, die sich selbst genügen, dann ist meine Zwangspause eine Annäherung ans Glück. Vielleicht. 

Als ich meine Wäsche aufhänge sehe ich Lukas. Wir haben uns gestern kennengelernt, ich winke, er fragt, wie es mir geht, ich sage schlecht, er nickt. Die Frage nach dem Gemütszustand ist hier keine Floskel, weil Gesundheit alles ist, was wir haben. Er schaut sich mein Knie an, tastet es ab, fragt nach den Schmerzen. Er fragt, ob er meinen Bagpack bis nach Estella tragen soll. Ich muss das selbst machen, sage ich. „Thank you doctor“, der Arzt aus Brasilien grinst. „I‘m Not a doctor here.“ Ich soll ihn anrufen, wenn etwas ist. Wir geben uns eine schweißgebadete Umarmung und dann sehe ich seinen blauen Rucksack in der Kurve der einzigen Straße des Ortes verschwinden.

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