„Du hast schon voll lange nichts mehr auf deinem Blog geschrieben“, meine Freundin schaut ihre Zimtschnecke mit Ahornsirup und Walnüssen vorwurfsvoll an. Ich nicke und nuschele etwas, dass sich wie ‚keine Zeit‘ anhört, aber auch ‚keine Ideen‘ heißen könnte. Anstatt zum Frühstück hätte ich mich auch zum Schreiben treffen können. Ein soziales Netz ist so viel Arbeit, denke ich. Ich liebe meine Freunde. Ein Zielkonflikt. Du warst schon immer schlecht im Balance finden, höre ich meine Mutter sagen. Als mir meine neue ‚therealworld‘ App gegen Smarthphone-Sucht meine bisherige Bildschirmzeit von einer Stunde 15 Minuten anzeigt, entscheide ich mich, meine ‚keine Zeit‘ für ein Februar Resümee zu nutzen. Es ist Klausurphase. Meine kreativen Synapsen sind mit pseudo-akademischer Wortgewandtheit verklebt, Uni-Zwang ist der Tod für den Schöpfergeist. Ich entschuldige mich vorab für geistreiche Unfälle.

Kennt ihr das Gefühl zeitintensiver Zeitlosigkeit? Wenn sich Augenblicke viel weiter weg anfühlen, als sie es sind oder viel näher, als sie es jemals waren? Wenn so viel passiert, dass es sich anfühlt, als ob gar nichts mehr passiert, weil das kognitive System im Verarbeitungsstau steckt? In genau dieser Phase meines Lebens befinde ich mich seit Monaten. Um der Angst vor meinem Studienabschluss, die in der Angst vor dem Schreiben meiner Bachelorarbeit ihren Ausdruck findet, mutig entgegenzutreten, habe ich meine Bachelorarbeit personifiziert. Sie sieht aus wie ein Olchi – eine Figur aus dem Lieblingsbuch meiner Babysitterkinder – grün und widerlich, auf den ersten Blick, seltsam, aber süß und liebenswürdig, wenn man sich anstrengt. Eine gute Übung, die eingeschlafene Phantasie anzuregen – Phantasie ist nicht dazu gemacht zu schlafen, denke ich. Ich stelle mir also vor, wie mein Bachelorarbeits-Olchi in der Bibliothek auf mich wartet, und anstatt ihn von Stuhl 231 zu stoßen, nehme ich ihn auf meinen Schoß. Freunde dich mit deinem Endgegner an, denke ich. Vor meinem geistigen Auge sehe ich mich schon in der U7 auf dem Weg nach Dahlem - anstatt in die Bibliothek zu fahren kaue ich um den Strunck einer Karotte herum und trinke grünen Tee, der zu lange gezogen ist und nach nassem Waldboden schmeckt. Nach der Klausur nächste Woche, denke ich und nicke meinem Endgegner zufrieden zu. Ich frage mich, warum die gemütlich-faule Seite in mir zu der extern als am stressigsten wahrgenommenen Zeit des Studiums (oh ja, Bachelorarbeit, wow, wahnsinn), auftaucht, die Schlafmaske kontrollierten Perfektionismus‘ und die Ohropax zwanghaften Ehrgeizes abwirft und mich das Nichtstun lieben lehrt. Timing ist alles, denke ich nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen.

Manchmal stelle ich mir vor, dass mein Leben eine Serie ist. In meinem Kopf läuft Hintergrundmusik, ich bin froh, meine eigene Regisseurin zu sein. Ich frage mich, wie mein ‚was bisher geschah‘ aussehen würde, um die letzten Wochen zusammenzufassen. In der Schule gab es nichts langweiligeres, als Nacherzählungen. Suppe schmeckt nach fünf Tagen auch nicht mehr gut. Deshalb ein wenig Gedankenkotze. Heute ist der 22. Februar, die Sonne scheint, meine postmaterialistischen Grundbedürfnisse sind soweit befriedigt, ich habe Knieschmerzen, in meinem Zimmer ist es ein bisschen zu staubig, ich habe Lust auf Mango, aber keine im Kühlschrank, ansonsten kann ich mich nicht beklagen. Ich schaue auf den Hinterhof eines Charlottenburger Altbaukomplexes, das Leben ist schön. Ich muss in meinem Kalender blättern, um meinen Gedanken zu helfen die jüngste Vergangenheit zu sortieren. Ich denke eigentlich nicht nur vom Frühstück bis zum Mittagessen, aber weil die Diskurshoheit in meinem Kopf von: „Ich muss meine Hausarbeiten schreiben und für die Klausur lernen, um meine Bachelorarbeit endlich anfangen zu können“ bestimmt ist, blendet mein Pflichtbewusstsein alles andere aus. Ich sehe, dass  ‚Oma anrufen‘ seit vier Wochen im Kalender mit einem waagerechten Pfeil auf die nächste Woche verschoben wurde. OMA schreibe ich fett in den Samstagvormittag.

Verrückt, dass jeder Tag potenziell Geschichte schreiben kann.

So wie sich Naturkatastrophen nicht ankündigen, unterbrechen mikrokosmische Revolutionen den dumpfen Alltag. Der Himmel ist nur so grau, wie die Brille, durch die man ihn betrachtet. Kalenderspruch, denke ich abfällig. Ist aber so, denke ich versöhnlich. Schizophrenie oder was? Denkt mein Hypochonder.

Wasbishergeschah, Februar.

Spätestens seit diesem Monat kennt jede*r Greta Thunberg, mit ihren geflochtenen Zöpfen, die Weltmachtelite anklagend, ein Sprachrohr, für den Klimaschutz.

Greta rettet die Welt.

Am selben Tag sind mir meine, am Fahrradlenker hängenden über-voll bepackten Papiertüten gerissen, als ich im Jan Ulrich Stil über die Kreuzung Otto Suhr Allee gerast bin. Blaubeerkuchen auf der Straße, mit Biskuitboden aus Asphalt. Stofftaschen, eine seit Jahren überholte Februar-Lektion. Besser spät als nie, denkt mein Kalenderspruch-Ich.

Die Wahlrechtssystemdebatte in Brandenburg hat bundesweit die Debatte um deskriptive Repräsentation angestoßen.

Ich wurde von meinen Freundinnen vor ein paar Tagen auf unbewusste Sexismusaussagen meinerseits aufmerksam gemacht. „Nicht so weiblich vor der Bibliothek schnattern“, ist eine Reduzierung, Verallgemeinerung und Abwertung des weiblichen Geschlechts. Meine „ich gehe jetzt auf’s Transgender-Klo weinen“ Aussage rührte aus peinlicher Verlegenheit. Ich hoffe das wisst ihr, meine schnatternden Menschen-Freundinnen. Sexismus steckt in jede*r von uns, weil er durch die Membran der Sozialisation sickert. Eine weitere überreife Lektion des Februars.

In Venezuela schließt Maduro mit Hilfe des Militärs die Grenzen.

Ich war vor zwei Wochen spontan in Stralsund, letzte Woche habe ich den Drachenberg entdeckt. Wir sind so frei, wenn wir es zulassen frei zu sein.

Während Trump in den USA den Ausnahmezustand ausruft,

mache ich Ausnahmen beim Ausblenden meines Lernplans, 

machen wir alle ständig Ausnahmen,

weil wir es können,

weil wir nicht unter den Ausnahme-Auswirkungen Anderer leiden.

Ich denke über Trumps Weltraumarmee nach und über den Missbrauchsgipfel im Vatikan. Der Buddha auf meinem Schreibtisch guckt mich mitleidig an. So viele Gedanken für einen so kleinen Kopf, denkt er. Reduzier‘ mich nicht auf mein Äußeres, denke ich und srecke ihm meinen Unterarm entgegen, um ihm trotzig mein neues Tattoo zu präsentieren. 

Bruno Ganz ist gestorben, während wir auf das schöne Wetter trinken, oder die Gesundheit, oder weil man sich sonst nichts gönnt. Das Leben ist schön. Und wer ist überhaupt Bruno Ganz?

Die Karten für die Berlinale sind schneller ausverkauft, als ein Bus kommt, der mich zu einer Vorverkaufsstelle bringen würde – in der U8 ist das ganze Jahr Berlinale, denke ich.

Die New England Patriots gewinnen den Superbowl. Am Tag darauf warte ich drei Stunden im Orthopädie-Wartezimmer, weil sich mein Knie beim Joggen für eine Schleimbeutelentzündung entschieden hat. Ich höre hunderte Sprüche a la 'Sport ist Mord', das deutsche Floskel-Jargon braucht dringend eine Revolution, denke ich. 

Eine britische Dschihad-Reisende darf nach der Geburt ihres dritten Kindes nicht nach Deutschland zurückkehren. Ich lasse mir die Haare abschneide, weil ich ‚einfach mal wieder eine Veränderung brauche‘.

Die Huthi-Rebellen einigen sich mit der jemenitischen Regierung auf einen Truppenabzug aus der Hafenstadt Hudaida.
Ich vergesse einen Kirsch-Nuss-Kuchen über Nacht im Backofen.

Merkels Rede auf der Sicherheitskonferenz in München geht europaweit viral. Ich denke nicht an die NATO, sondern an Humboldt. Ja, Alexander, alles ist Wechselwirkung.

Karl Lagerfeld stirbt.

Ich lese mir tausende Nachrufe durch, weil mich das Todes-Kalkül der Redaktionen bei Menschen eines bestimmten Alters fasziniert. Das Leben ist schön, aber der Tod ist schöner, wenn er sich für kommerzielle Interessen instrumentalisieren lässt. Ein Hoch auf die Unterhaltungsindustrie und den Kapitalismus. Dieses Mal keine Gesellschaftskritik, stöhnt mein liberal-versöhnliches Ich und schaut verlegen aus dem Fenster.

„I’m very much down to earth. But not this earth.“ Ach Karl. Ich würde mir nicht anmaßen, Lagerfeld als arrogant zu betiteln. Wobei ich sehr gerne Jogginghosen trage. Die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn ist so undurchsichtig wie leicht zu überqueren. Der Satz hat sich in mein Gehirn gebrannt. Wir leben alle auf der gleichen Erde, was verrückt ist, weil unsere Lebensrealitäten sich ferner sind, als Ozeane, ja Universen. Klausuren, sogar Bachelorarbeiten erscheinen mir im Kontext des Weltgeschehens so nichtig. „Wir sind nur eine kleine Materie im Universum“, sehe ich meine beste Freundin sagen und grinsen. Ich wünsche mir, dass ich es öfter schaffe, mich aus Situationen herauszudenken. Ernsthaftigkeit, ja, aber mit dem Bewusstsein, dass ein Lied namens ‚Ferrari‘ die deutschen Singlecharts anführt. Oder manche Menschen immer noch Nazis sind, oder Donald Trump keine Erfindung von 9Gag ist. Wenn wir unsere perfektionistische Schlafmaske abziehen, füllt sich die zeitintensive Zeitlosigkeit mit Erinnerungen statt mit Gewohnheit, unser Farbkasten wird bunter. Mama, Papa, ich werde wohl mit einem Bachelor of Arts Kalendersprüche produzieren. Mein eigenes Kalenderspruch-Universum erschaffen.

Ich denke an meinen Bachelorarbeits-Olchi und mache einen Spaziergang in der Sonne. Meine lieben bachelorarbeitsschreibenden Freunde und Freundinnen: Wenn wir nur einen Bruchteil von der Zeit, die wir mit sorgenvollem Druck in Kommunikation über dieses Thema verschwenden, für Aktivitäten nutzten, die uns gut tun, ja besser täten, dann würde sich die Bachelorarbeit von selbst schreiben. Wir sind alle ein bisschen Greta und ein bisschen Karl. Und ein bisschen selbst dafür verantwortlich, ein bisschen glücklicher zu sein, in einer unglücklichen Welt. 

 


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