Wenn das Feuer das in mir wohnt zur Sonne wird und dein Wind das Gewächshaus abträgt, in dem ich fast erstickt wäre. 

Bevor ich dich kennengelernt habe, wusste ich nicht, was Liebe ist. Ich habe mir eingebildet es zu wissen, Liebe mit aufregender Verliebtheit, oder mit der Sucht nach Selbstbestätigung verwechselt. Zwischendurch habe ich der Liebe abgeschworen, sie für eine verklärte Phantasie oder ein Konzept alter weißer Menschen gehalten. Ich habe geglaubt, nicht an Monogamie zu glauben – Liebe als spießig-verstaubten Mantel gemeinsam gelebten Egoismus‘ unter den Teppich veralteter Gesellschaftsstrukturen gekehrt. Romantische Zwischenmenschlichkeit war mir nur als von sehr kurzfristiger Dauer bekannt. Ich hatte so große Angst etwas zu Versäumen, dass mein Geist vom einen Vergnügen zum anderen geflattert ist, ohne darin Ruhe und Befriedigung zu finden. Ich wurde enttäuscht, immer wieder, von dem Frust, der sich einstellt, wenn sich Verliebtheit ab- und Liebe nie angemeldet hat. Von der Langweile, die sich einschleicht, wenn Interesse Jagdinstinkt ist. Von Zweifeln und dem Gefühl, auf der Stelle zu treten, gefangen zu sein und unfrei. Dann hat sich meine Rastlosigkeit gemeldet, die verbissen auf der unendlichen Suche nach Mehr im Kreis lief. Eine Suche, die im Grunde tief egoistisch ist, weil sie nicht nach Jemandem, sondern nach innerer Vollkommenheit strebt. In diesem Moment wird Liebe Mittel zum Zweck und entfremdet sich von sich selbst.

Lieb‘ mich, weil ich es selbst nicht kann 

Ich habe damals nicht verstanden, dass ich Liebe konsumiert und sie deshalb verdorben habe. Ich hatte nie die intrinsische Motivation Phasen zwischenmenschlicher Romantik zu manifestieren – zu anstrengend erschien mir die Verpflichtung ‚Beziehung‘, zu beklemmend der Gedanke, gebunden zu sein, wie ein Tier, das plötzlich im Käfig lebt. Ich habe Liebe gebraucht, nicht gewollt, daher die Kurzweiligkeit. Fehlende Selbstliebe im Außen zu suchen Ist ein Alarmsignal, das gerne überhört wird. Zu leicht ist seine Symptombekämpfung. Auf Dauer macht unterdrückter Selbsthass, das superlative Ausmaß dessen, sehr unglücklich und lässt sich weder durch externe Bestätigung noch durch einseitige Liebe befrieden. Dieser Selbsthass mag in Momenten der Leichtigkeit schlafen, umso schmerzhafter ist es, wenn er erwacht und die Imagination Liebe mit einem Schmerz überschwemmt, dessen Echo ein ‚Du bist nicht genug‘ ist. Und dann kickt die Rastlosigkeit: Die Suche nach Veränderung im Außen, die überfordernde Sucht nach dem Mehr. Selbstliebe ist nicht vom spirituellen Teil der Gesellschaft gekapert und für Yoga- und Coaching-Stunden instrumentalisiert. Liebe braucht Selbstliebe, sonst fault sie von innen. Sonst fühlt es sich an, wie durch ein Kaleidoskop ohne Farben zu schauen, abwechslungsreich und dabei grau und trostlos. 

Irrungen und Wirrungen

All das ist bekannt. Es liest sich schön und doch gibt es keine Bedienungsanleitung. Liebe ist kein Konzept, Liebe ist die verrückteste Achterbahnfahrt der Welt, so nehme ich das zumindest wahr. Liebe ist so vielschichtig und intensiv, dass mir ein geeignetes Repertoire an Worten fehlt, um sie zu umschreiben. Das wäre vielleicht auch verkehrt, so würde ich Liebe wohl in einen Rahmen packen, der nur auf mich und auf dich zugeschnitten ist. Liebe ist das individuellste und krasseste Ding, das es gibt. Ich lerne gerade, dass alles, was ich 25 Jahre lang über die Liebe gedacht habe, nicht zutrifft, mein Weltbild wackelt seit geraumer Zeit. Zwang und Unfreiheit stürzen von der Spitze meiner Imagination Liebe, ein aus Angst erbautes Kartenhaus aus Doppelhaushälfte, Ehevertrag, gemeinsamen Konto und Sex wenn’s sein muss stürzt in sich zusammen. Liebe ist nicht spießig oder uncool, Liebe ist so bunt, dass mir manchmal die Augen weh tun. Liebe ist die schönste Freiwilligkeit der Welt. 

Wie Wind in Eimern einzufangen 

Ich erinnere mich an ein Gespräch vor einigen Jahren mit meiner besten Freundin. Sie war gerade frisch mit einem Mann zusammen und so beschäftigt mit ihm, dass ich neidisch war. „Ich glaube wir lernen gerade zu lieben“, sagte sie damals und ich verstand nicht, was sie meinte. Liebe muss man nicht lernen, habe ich gedacht und war verständnislos. Ich glaube ich weiß jetzt was sie sagen wollte. Überall geht es ständig um die Liebe, in der Musik, der Literatur, der Kunst. Und trotzdem scheint niemand zu wissen, wie das wirklich funktioniert. Wenn Liebe bedeutet, das Leben zu teilen, dann muss man sich erst einmal einrichten, in dieser Schnittmenge, die plötzlich jeden Bereich einschließt. Man muss sich abtasten, wie zwei Blinde, die sich plötzlich zu fühlen lernen. Liebe bedeutet nicht zu heiraten oder auf dem Papier eine Beziehung zu führen. Liebe bedeutet, nicht zu gehen, wenn es schwierig wird. Liebe ist, den Selbsthass des anderen zu sehen und trotzdem zu bleiben. Aufzufangen, was man eigentlich nicht halten kann. Verständnis zu üben und zu fragen, um zuzuhören. Liebe bedeutet Geduld, Liebe bedeutet Kompromiss und manchmal Überforderung. Liebe ist Zugeständnis und sich aus seinen eigenen Mustern zu befreien. Liebe ist Lachen und Weinen gleichermaßen, Liebe ist alles, aber nicht monoton. Liebe ist auch Schmerz, weil es manchmal weh tut zu spüren, dass Liebe auch Abhängigkeit ist. Liebe ist Reflektion. Liebe ist, sich wieder aufeinander zuzubewegen, wenn man sich im Streit voneinander entfernt hat. Liebe ist loslassen lernen und sich im komfortablen Wir nicht aufzulösen. Liebe ist, die Angst als den Schleier der Freiheit, abzulegen, um wirklich frei zu sein. Liebe ist die Bereitschaft, sich vom Leben überraschen zu lassen.

Wenn das Feuer das in mir wohnt zur Sonne wird und dein Wind das Gewächshaus abträgt, in dem ich fast erstickt wäre. 

Ich glaube auch schon, dass Liebe Arbeit ist. Alles was lebt ist Arbeit und alles was sich dynamisch bewegt fordert eigene Mobilität. Ich glaube auch, dass man Liebe nicht vollkommen verstehen kann. Vielleicht ist es gerade die Magie des Unverständnisses, das das Gefühl so besonders macht. Meine Selbstliebe-Problematik hat sich auf Wolke 497 nicht in Wasserstoff aufgelöst. Sie ist immer noch da und fordert mich immer wieder neu heraus. Liebe ist auch, zu akzeptieren, gut genug für die andere Person zu sein. Letztendlich ist Liebe nämlich auch ein Spiegel.  Selbstakzeptanz und -Fürsorge wirken präventiv gegen toxische Abhängigkeiten. Erich Fromms Werk „Die Kunst des Liebens“ verkaufte sich weltweit übrigens über 25 Millionen Mal. Kunst ist subjektiv. Kunst ist intuitiv. Kunst ist für jeden etwas anderes. Liebe ist Kunst und Kunst ist Liebe. Wir dürfen geduldig mit uns sein. Und uns vom Leben überraschen lassen. 

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